Kontrovers diskutiert die Fachpresse über AntiEverything Forever, die achte und jüngste – womöglich auch letzte – Ausgabe des Ausnahmeheftes.
Trust, Bremen
Vielleicht sowas wie das VICE für Punker? Weiß nicht ganz genau, was ich von diesem Hochglanz-Ding halten soll. Christoph Parlinson vom OX schreibt hier auch mit und berichtet aus New York, ein paar Kurzgeschichten öden den Leser an – während das Interview mit Francesca Araiza Andrade, der Macherin von “Noise And Resistance” durchaus interessant ist.
Ebenfalls das Interview mit dem Punker Ain Stain, der Porno-Seiten programmiert und dem Leser durchaus gelungen vorhält, was sexuell gesehen der Durschnitts(!!)-Deutsche doch für ein Schwein ist.
Tiefpunkt ist allerdings das Interview mit Aaron Sleazy, der wohl ein Buch geschrieben hat über seine Fickstories. Interessiert ja 1. eigentlich niemanden und 2. liest sich das alles, vor allem seine arroganten Antworten, wie eine Möchtegern-Version eines Hank Moody, der ja auch nur eine Figur Hollywoods ist.
Insgesamt eine nette Lektüre, braucht aber niemand so recht, glaub ich.
Moloko Plus, Dorsten
Vier Jahre ohne ANTIEVERYTHING zogen in’s Land, das Fanzine vergaß ich jedoch nie. Zu eindringlich waren die Kurzgeschichten aus der Feder des K. Wrath, den ich für einen der besten Autoren der Trashliteratur halte, als dass ich sie in diesem Zeitraum auch nur ansatzweise hätte verdrängen können.
Jauchzend vernahm ich jüngst die Kunde, dass eine #08 erscheinen würde und mit nicht weniger als riesiger Vorfreude liegt dann schlussendlich ein Exemplar in zitternder Erregung vor mir. Der Berliner Literaturgott enttäuschte mich nicht! Herzstück des Elaborats ist der in zehn Episoden verfasste Kurzroman “GLORY WHITE TRASH III”, in dem Krzyzstof sein komplettes Qualitätsarsenal an Schreibfertigkeit offenbart. Mit “Sex & Violence” dürfte der Inhalt perfekt umschrieben sein. Großartig und faszinierend! So verwegen auf den Punkt gebracht, recht schlicht und doch geschliffen fomuliert, das kann nur K. Wrath! Wer ist überhaupt Jan Off?
Zwischen den einzelnen Kapiteln interessante undergroundspezifische Themen. Da schreibt z.B. Christoph Parkinson einen seiner typisch melancholischen Stories über einen Urlaub in der Neuen Welt; Filmemacherin Franny erzählt über die Doku “Noise & Resistance” und gibt interessante erschütternde Einblicke über die Widerstandsbewegung in Russland.
Man(n) muss auch erst einmal auf die Idee kommen, den Entwickler des “Waver”-Vibrators zu interviewen. Erstaunlich, dass sich das Gespräch als richtig informativer Erguss herausstellt. In die gleiche Kerbe schlägt das Interview mit AIN STAIN, einem Punkrocker, der seit einigen Jahren in der Pornobranche arbeitet. Ebenfalls ein sehr informell befriedigender Blick in diese unkeusche und mir völlig unbekannte Zone der Wolllust. Allerdings ist mir nicht ganz klar geworden, in welcher Funktion Herr Stain nun genau tätig ist.
Einzig und allein die zu Recht in den rektalen bzw. hinteren Fanzine-Bereich beförderte Biographie über den ent- & verrückten Lebenskünstler Edward Crowley (1875-1947) kann mich so gar nicht anmachen. Insgesamt ein Schmöker, der mich riesig begeistert und allen Freunden der hochwertigen Untergrundliteratur mit ‘nem kleinen Faible für dreckigen Sex erfreuen wird!
ANTI EVERYTHING #09 – bitte kommen!
Punkrock!, Mannheim
Monsignore Krzystof Wrath ist mit seinem Fanzine Anti Everything aus den Untiefen Berlins zurück und badet wieder gekonnt in salonfähigen Neo-Nihilismus. Sprich die „Glory White Trash“ Fortsetzungsgeschichte, die vor vier Jahren endete wird neu aufgenommen und spielt wieder in einem SciFi-Berlin von morgen.
Immer wieder wird dieser Fortsetzungsroman, wie ihn der Schreiber selbst nennt, von Gesprächen mit aktuellen Zeitzeugen unterbrochen. Unter anderem sind das eine Filmemacherin, ein Erfinder und auch jemand aus der Pornobranche kommt zu Wort. Damit dürfte insgesamt für genügend Unterhaltung gesorgt sein.
Vom geschriebenen Wort abgesehen, scheint der Macher ein riesiges Bilderarchiv zu haben, an welchem er den Leser gerne teilhaben lässt. Entsprechend schick und lecker ist das Heft mit richtig feinen Bildern und Grafiken aufbereitet!
Fatal Underground, Dessau
Nachdem man sich ja eigentlich vor geraumer Zeit dazu entschlossen hatte, dieses Zine nicht mehr im Printformat zu veröffentlichen, scheint man diesen Plan nun doch wieder über den Haufen geworfen zu haben. Denn jetzt liegt mir nun doch wieder ne neue, gut 100 seitige Ausgabe dieses etwas „anderen“ Zines vor .
Das farbige Hochglanzcover deutet auf jeden Fall darauf hin ,dass man wohl finanziell absolut keine Probleme haben dürfte. Das Layout und die Druckqualität ist wie immer vom Feinsten, wobei gerade Layout technisch einiges verdammt kreative Gedanken vorhanden sind, die unsereins übernehmen könnte – grins .
Was so nun den Inhalt betrifft ,so geht dieses Zine schon immer seinen eignen, teilweise sicherlich provokanten Weg. Zwar steige ich beim Sinn einiger Beiträge immer noch nicht wirklich durch, aber dennoch gibt es hier doch ne Vielzahl an Sachen, die schon ganz schön mein und hoffentlich auch euer Interesse wecken dürften/könnten. Da wären u.a. das Interview mit der Macherin der Kino Dokumentation NOISE AND RESISTANCE, in welcher man die Punk Szene in Europa näher beleuchtet. Ist mit Sicherheit ne mehr als sehenswerte Doku, welche alle Leuten, die sich für die „Subkultur“ interessiert, zu empfehlen ist.
Lustig und alles andere als „normal“ ist zweifelsfrei auch das Intie mit Jörg Knyrim, welcher einen VIBRATOR namens WAVER erfunden hat. Auf so eine Idee muss man erst einmal kommen! Neben nen Interview mit ner AKTFOTOGRAFIN, dem 500 BEINE Blogger Andreas Glumm und dem INSIDE ARTZINE will ich euch aber vor allem den ausführlichen Bericht über ALEISTER CROWLEY nahe legen.
Neben ein paar Reviews geht hier natürlich die GLORY WHITE TRASH Rubrik weiter ,mit der ich aber bis heute nicht wirklich was anfangen kann ! Die aktuelle Ausgabe hat auf jeden Fall dieses Mal doch bedeutend mehr interessanten und unterhaltsamen Lesestoff für mich zu bieten ,auch wenn’s musikalisch metallisch hier nix zu entdecken gibt .
Underdog, Wildeshausen
Krzystof Wrath versetzt die Welt wieder in Trümmer und bringt sein persönliches Utopia zu Papier, steht in erster Front, nimmt die Axt in die Hand, “um alles Rückständige zu zerstören” und lobpreist die Neo-Nihilisten, die mit der Organisation “Confrontation” (jetzt: Real Confrontation) das fiktive Berlin in die Anarchie stürzt.
Nach vier Jahren greift Krzystof die Kurzgeschichtenserie “Glory White Trash” auf und erzählt die Fortsetzung der Abenteuer um revolutionäre Ideen, Sex, Gewalt, Drogen und eben viel Neonihilismus.
Die Story: Fünf Jahre nach den Ereignissen aus Glory White Trash I und II erhält der Agent Jason den Auftrag, den Neonihilisten Case zu finden und zu töten. Er begibt sich auf eine Reise, die ihn mit atemberaubenden Gefahren ebenso konfrontiert wie mit den dunkelsten Seiten seiner eigenen Seele.
Gesamteindruck: Krzystof schildert die Ereignisse aus der Sicht des Geheimagenten Jason, der bei der Suche nach Case auf ehemalige Bekannte und Feinde trifft. Krzystof lässt bei diesen Begegnungen den Leser im Unklaren, ob die Personen wie Rebecca, Keule, Eddy, Atze, Rupert etc. vertrauenswürdig sind, Jason helfen oder ihn in die Falle locken wollen. Diese Herangehensweise verspricht anfänglich sicherlich Spannung und gibt der Story die notwendige Dramaturgie, ohne zu wissen, wie sich die Geschichte entwickelt.
Abstrus sind hingegen die Versuche, die fiktive Geschichte in reale Handlungsstränge einzufügen und BILD-Schlagzeilen aufgreift, die in leicht abgeänderter Art und Weise für Action sorgt: So erscheinen die HELLS BELLS-Rocker beim McBurger aufkreuzen und auf Willen des Bürgermeisters für Recht und Ordnung sorgen.
Zentrale Figur neben Agent Jason ist Rebecca, die immer dann auftaucht, wenn Jason Fragen hat oder einfach so erscheint, um Sex mit ihm zu haben. Krzystof schmückt die Sexszenen mit Details und provoziert mit Sexismus und phallischen Symbolen, die die drastischen Sexszenen verstärken. Gleichwohl Jason die Hauptfigur ist und sehr männlich beschrieben wird, versteht es Krzystof, ihn als selbstzerstörerischen, von Selbstüberschätzung geplagten Charakter darzustellen, der im Wesentlichen den Frauen unterlegen ist, da sich Rebecca und Ashley als souveräne Figuren entwickeln, die Jason nur benutzen, um an ihr Ziel zu gelangen.
Während sich durch die Figur Rebecca und die mit ihr stark verbundene mystische Aura ein verheißungsvolles Finale ankündigt, was auf einer Verschwörungstheorie basiert, scheitert Krzystof am Ende des 9. und 10 Teiles an zu holperigen Handlungsstränge, die konfus und verwirrend bis ungewollt komisch jegliche Spannung zerstört und das Finale zu einem Desaster. Hier vergibt Krzystof seine Chance auf eine unterhaltsame, perfide Story, irritiert und enttäuscht die Leser_Innen mit einem Rückzug aus der Fiktion hinein ins reale Leben, das eben nicht immer eine spektakuläre Show ist, wenn die Scheinwerfer angehen.
Der nonfiktionale Teil wird mit Interviews, Kurzbiographien und Kurzgeschichten ergänzt, die u.a. die Themen Porno (Ain Stain), Erotik (Aktofotografin Flora P.) und Mystik (Aleister Crowley) beinhalten.
Ox, Solingen
Eine neue Ausgabe von einem der interessantesten Fanzines ever hatte ich nicht mehr wirklich auf dem Schirm. Und jetzt das. Die finale, letzte Nummer vom AntiEverything.
Für die, die es noch nie in der Hand hatten: das AE war immer ein Heft, das einen Tick anders war als your average Punk-Zine. Zwar gab es immer auch Interviews, Kolumnen und den ganzen Kladderadatsch, aber es war alles nur schmuckes Beiwerk für die fast endlose Fortsetzungsgeschichte “Glory White Trash”, die Herausgeber Krzysztof in jeder Ausgabe um diverse Kapitel weitergesponnen hat.
Angelehnt an gute, billige Pulp-Literatur gab es jede Menge Sex, korrupte Bullen und Spitzel, randalierende Politextremisten, Gewalt und gute Laune. In der vorliegenden Ausgabe soll das Werk um den Polizeispitzel Jason, der in einem in Law -And-Order-Manier regierten Berlin dem Untergrundkämpfer Case auf den Fersen ist, also endgültig zu Ende gehen.
Den ganzen Plot jetzt hier wiederzugeben, würde absolut den Rahmen sprengen, denn die Story, die sich über sieben frühere Ausgaben gezogen hat, und jetzt in einem absolut professionell gestalteten Blatt seinen Abschluss findet, lässt sich nicht so einfach wiedergeben. Was nicht heißt, dass die Geschichte schwer zu lesen ist. No way, man bleibt dran und Krzysztof weiß, wie man den Trash-interessierten Leser bei der Stange hält.
So ganz ohne den normalen Fanzine-Stoff geht es aber auch im AE nicht, aber glücklicherweise sumpft man interviewtechnisch nicht im drögen Band-Musik -Review-Mief rum, sondern lässt unter anderem den Erfinder Jörg Knyrim und die Filmemacherin Francesca Araiza Andrade zu Wort kommen, die die sehr interessante Doku “Noise & Resistance” gedreht hat, die in diesem Jahr auch in den Kinos lief.
Ein kurzes Portrait von Aleister Crowley, eine Handvoll Rezis und ein paar Kolumnen runden, wie man so schön phrasenmäßig sagt, das ganze Heft ab. Was bleibt, ist eine Perle im Fanziner-Universum, und es wäre chick, wenn Krzysztof in irgendeiner Weise weitermachen würde.